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InTestberichte

Saugtest Mullwindel: Luftgetrocknet vs. Trockner

Jeder kennt sie und jeder Haushalt mit einem Kind hat welche daheim: Die Mullwindel.

Sie ist das erste, was dem Durchschnittsbürger einfällt, wenn man „Stoffwindel“ sagt (gepaart mit Moltontüchern, steifen Gummihosen oder Wollüberhosen).

Auch wenn sie oft nur als „Spucktuch“ oder Sonnenschutz am Kinderwagen dient, sind diese unauffälligen weißen, meist 80x80cm großen Tücher echte Alleskönner. Und sie werden durchaus noch zum Wickeln verwendet und sehr geschätzt, da sie:

  • günstig sind
  • viel saugen
  • multifunktional sind
  • aus Baumwolle bestehen (es gibt auch welche aus Bambusviskose und mit Hanfanteil)
  • pflegeleicht sind
  • schnell an der Luft trocknen (ideal für den Urlaub ohne Waschmaschine)
  • nur Naturfaser ans Kind kommt
  • ideal für Kinder mit empfindlicher Haut sind
  • und man oftmals noch von früher jede Menge von ihnen hat.

Egal ob als Drachen, Dreieck, Dreieck mit Steg oder einfach als Steg wie eine Binde gefaltet in Prefoldüberhosen – Mullwindeln sind längst nicht out.

Mit einem Snappi fixiert, sind sie ideal im heißen Sommer.

Gerade Eltern mit Neugeborenen empfehle ich gern ein AI2- System aus Mullwindel und Überhose. Auch bei meinem besten Freund hatte ich das empfohlen und mich etwas gewundert, dass die Saugkraft der Mullwindeln bei dem Kleinen noch immer ausreicht – und das mit über 9 Monaten!

Eine gute Freundin von mir nutzt das AI3- System und legt in ihre gDiapers und Windelmanufakturwindeln ebenfalls nur zum Steg (also wie eine Binde) gefaltete Mullwindeln. Und ihr Sohn ist 22 Monate alt.

Warum also saugen diese Mullwindeln mehr als meine?

Irgendwann hospitierte ich einmal beim Wickeln und da fiel mir auf, dass die Mullwindeln anders waren als meine: Sie waren kleiner, geriffelt und kuscheliger. Und dann lüftete sie das Geheimnis: Sie hat einen Wäschetrockner.

Mullwindel aus dem Trockner

Mullwindel aus dem Trockner

Mullwindel luftgetrocknet

Mullwindel luftgetrocknet

Meine wissenschaftliche Neugier war geweckt.

Das Experiment

Ich hatte vor einer Weile zahlreiche gebrauchte Baumwoll- Mullwindeln im Flohmarkt erworben. Leider ist kein Etikett, somit weiß ich nicht, von welcher Firma sie sind, aber alle sehen identisch aus und sind doppelt gewebt.

Als ich bei meinen Eltern war, wog ich die Mullwindeln (luftgetrocknet), machte einen Saugtest und warf sie in den Trockner.

Eine trockene Windel wiegt im Durchschnitt 68 Gramm. Ich wog sie nass (so dass sie nicht mehr tropften), nachdem ich sie eine Minute lang in laumarmem Wasser einweichen hatte lassen. Dann wog ich sie erneut, nachdem ich sie ausgewrungen hatte. Das gleiche Procedere ließen die Windeln nach einer Runde Trockner erneut über sich ergehen. Später testete ich erneut eine Windel, welche mehrere Runden gedreht hatte.

Mullwindel Luft 1 Luft 2 Trockner 1 Trockner 2 Trockner 3 (mehrmals getrocknet)
Gewicht trocken 68 67 68 70 66
Gewicht nass 272 272 345 309 322
Differenz 204 205 277 239 256
Gewicht nach dem Auswringen 172 178 210 207 203
Durchschnittswerte Saugkraft 204,5 257,33
Durchschnittswerte Restnässe 107,5 138,66
Tabelle: Werte in Gramm (eigene Darstellung von Stoffwindelliebe)

Das Ergebnis

Die Werte zeigen, dass eine an der Luft getrocknete Mullwindel im Durchschnitt 204,5ml Wasser saugt; eine im Trockner getrocknete 257,33ml. Das ergibt eine Differenz von 52,83ml! Bei einem Neugeborenen können dies mehrere Male Pipi sein.

Am erstaunlichsten fand ich, dass die im Trockner getrockneten Windeln nach dem Auswringen mehr Wasser speicherten als ihre Konkurrenten. Nämlich 31,16ml.

Setzt man die Werte ins Verhältnis, so saugt eine Trocknerwindel 25,83% mehr als eine an der Luft getrocknete Windel.

Links Trockner, rechts Luft

Links Trockner, rechts Luft

Wie kann man sich nun dieses Phänomen erklären?
Durch die mechanischen Einwirkungen und die heiße Luft im Trockner wird die Struktur der Mullwindeln beeinflusst: Es kommt zu einer Vergrößerung der Oberfläche, die mehr Flüssigkeit aufnehmen kann.

Links Trockner, rechts Luft

Links Trockner, rechts Luft

Diskussion und Fazit

Durch den Wäschetrockner können doppelt gewebte Mullwindeln aus Baumwolle etwa 25% mehr Flüssigkeit aufnehmen. Meine Stichprobe ist natürlich nicht repräsentativ, da ich nur eine geringe Anzahl getestet habe und keine genauen Angaben zum Hersteller und somit zur Vergleichbarkeit machen kann. An der Empirie zeigt sich jedoch, dass Mullwindeln länger als einzige Einlage ausreichen, wenn sie im Trockner waren.

Ein zusätzlicher Vergleich mit einem Volumentest wäre sinnvoll. Leider waren meine Daten disbezüglich unvollständig und ich habe mich auf die Ergebnisse der Waage beschränkt.

Interessant wäre außerdem, ob der gleiche Effekt bei anderen Materialien wie Bambus oder Hanf auftritt. Gebraucht gekaufte Windeln z.B. die Totsbots Bamboozle fühlten sich jedenfalls für mich immer flauschiger an und saugten zumindest in meiner Erinnerung besser als meine mit hartem Berliner Wasser gewaschenen und an der Luft getrockneten.

Nun sollt ihr euch nicht extra einen Wäschetrockner anschaffen, denn das wäre ja Quatsch. Die modernen Geräte sind zwar inzwischen in der Energieeffizienz verbessert worden, aber die Windeln verschleißen schneller, wenn man sie darin trocknet (Abrieb, der sich im Flusensieb sammelt).

Der Effekt hält übrigens auch eine Weile an, auch wenn die Mullwindeln zwischendurch an der Luft getrocknet wurden: Die geriffele Struktur bleibt einige Wäschen erhalten.

Stoffwickeln kann also mit ein paar Mullwindeln und Überhosen oder AI3s günstig und einfach sein 🙂

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