Schaden dicke Stoffwindeln der Entwicklung? Eine Physiotherapeutin klärt auf!

Stoffwindeln haben viele offensichtliche Vorteile für unsere Kinder, die Umwelt und auch für uns Eltern.

Sie sind frei von chemischen Stoffen, atmungsaktiv und schonend für die empfindliche Haut.

Stoffwindeln werden gewaschen, wieder verwendet und können für mehrere Kinder genutzt werden.
Das macht sie zu einem nachhaltigen Produkt und schont auch noch den Geldbeutel.

Doch kann die vergleichsweise dicke Stoffwindel der Bewegungsentwicklung eines Babys schaden? Liegt es nicht immer im Hochkreuz?

Julia Stökl ist Physiotherapeutin und zeigt die Stoffwindel aus fachlicher Sicht.

Inhalt

Die Hüftentwicklung

Tatsächlich hat das dicke Windelpaket bei Neugeborenen eine positive Einwirkung auf die Entwicklung des kindlichen Hüftgelenks.

Doch warum beeinflusst ein breites Wickeln die Gelenke günstig? Beispielsweise sieht eine Spreizhose, wie sie bei einer Hüftdysplasie (=Fehlstellung des Hüftgelenks) verordnet wird, nicht wirklich bequem aus.

Unsere Kinder liegen im Mutterleib in einer Anhockstellung der Beine. Das bedeutet, sie sind
angewinkelt und die Hüftgelenke nach außen gedreht. In dieser Position sitzt das noch nicht
entwickelte Hüftgelenk optimal in der Hüftpfanne. Das Skelett aller Kinder besteht nach der Geburt
noch zu einem großen Teil aus weichem Knorpel. Es baut sich erst nach und nach zu stabilem Knochengewebe um. Knochen und Gelenke formen und entwickeln sich am besten unter Druck.

Der Hüftkopf wird in der Beugung + Außenrotation + Abduktion (= Abspreizung nach außen) optimal in die Hüftpfanne gedrückt.  Dadurch kann es sich am besten entwickeln.

Diese Stellung haben Babys, welche viel im Tragetuch getragen oder mit Stoff gewickelt werden von ganz alleine.

So kann sich die Gelenkpfanne optimal ausbilden. Hier ist allerdings noch zu erwähnen,
dass man mit Stoffwindeln oder dem Tragen im Tragetuch keinesfalls eine extreme Hüftgelenksfehlstellung, wie etwa eine ausgeprägte Hüftdysplasie oder angeborene Hüftgelenksluxation, therapieren kann.

 

Tübinger Hüftbeugeschiene - Orthese zur Behandlung von Hüftfehlstellungen

Mit der Entwicklung und Zentrierung des Hüftgelenks und jeder Bewegung die unsere Kinder lernen, wird der Körper auf den aufrechten Stand und Gang vorbereitet.

Beginnen die Kinder mit den ersten Steh- und Gangversuchen, so startet das mit breitem Stand und flachem Fuß. Eine ausgerichtete Beinachse und das Fußgewölbe bilden sich erst nach und nach.

Bis zum 3. Lebensjahr sind Stand und Gang im „O-Bein“ vollkommen normal. Entwicklungsphysiologisch
sind ausgeglichene Beinachsen und gleichmäßiges Gangmuster erst mit 8 Jahren normal.

Wenn wir über Hüftgelenk und die Entwicklung der Beinachse spreche, so kommen wir unweigerlich
auch zur Wirbelsäule unserer Babys.

 

Bildquelle: https://www.researchgate.net/publication/278156756_ Gangstorungen_vom_Kleinkind_zum_Erwachsenenalter
Bildquelle: Trageschule Hamburg

Die Entwicklung der Wirbelsäule

Anders als beim Erwachsenen, ist die Wirbelsäule nicht in einer sogenannten „Doppel-S-Form“
gebogen, sondern nur leicht rund.

Dem Neugeborenen fehlt die Haltemuskulatur. Das sieht man beispielsweise ganz deutlich an der fehlenden Kopfkontrolle.

Erst im Laufe der grobmotorischen Entwicklung unserer Kinder im ersten Lebensjahr formt sich nach
und nach die Wirbelsäule. Alles braucht Zeit und Übung.

Wenn nun ein Neugeborenes mit dicker Stoffwindel auf dem Rücken liegt und die Beinchen fast in
der Luft hängen, dann braucht man sich keine Gedanken machen, dass es schlecht für die
Entwicklung der Wirbelsäule sein könnte. Die Stoffwindel wirkt wie ein Keil und bringt die
Wirbelsäule in eine Position, die man am ehesten mit einem gerundeten Rücken vergleichen kann. Das ist für unsere Babys sogar eher angenehm und entspannend, da es der Embryonalstellung sehr
nahekommt, die sie aus dem Bauch kennen und gewohnt sind.

Körperliche Entwicklung

Je mehr sich die Kinder bewegen können, desto stabiler wird die Muskulatur. Die sogenannte
grobmotorische Entwicklung (= die Entwicklung der Körperbeherrschung bis hin zur Aufrichtung und Fortbewegung) beginnt schon im Bauch. 

Julia hat immer wieder Anfragen von verunsicherten Eltern, die befürchten, dass die dickeren
Stoffwindeln die Entwicklung der Kinder negativ beeinflussen könnten.

Des Weiteren hört sie
Aussagen von Fachkräften, die Stoffwindeln dafür verantwortlich machen, dass ein Kind sich nicht
nach Lehrbuch richtet und z.B. mit 6 Monaten auf den Bauch dreht.

Hierzu sei angemerkt, dass die Entwicklung jedes Kindes so individuell ist, wie unsere Kinder selbst. Es spielen so unglaublich viele unterschiedliche Faktoren zusammen, warum sich das eine Kind bereits mit 6 Monaten dreht, während ein Anderes mit 9 Monaten immer noch vollkommen zufrieden in Rücken-, oder Seitenlage liegt.

Es ist wissenschaftlich nicht belegt, dass eine Stoffwindel die motorische Entwicklung eines Babys behindert. Hier hängt es auch immer vom Windelsystem, der Wickeltechnik und der Wahl und Menge des Saugmaterials ab.

Eine Stoffwindel, die übermäßig gefüllt ist, wird es einem Baby sicherlich erschweren sich auf den
Bauch zu drehen. An dieser Stelle kommen Stoffwindelberater*innen ins Spiel. Manchmal reicht
eine kleine Veränderung und schon schafft das Baby den nächsten Entwicklungsschritt.

Es lohnt sich also beim Verdacht, dass die Stoffwindeln Ursache für eine Entwicklungsverzögerung
sein könnten, eine*n Stoffwindelberater*in hinzuzuziehen.

Bewegung und Reflexe

Egal ob Wegwerfwindel oder Stoffwindel. Wie sie angelegt werden beeinflusst unsere Babys vom ersten Tag an.

Neugeborene haben sehr viele Reflexe, die teilweise direkt nach der Geburt oder spätestens mit den Entwicklungsuntersuchungen über das erste Lebensjahr getestet werden.

Saugreflex und Greifreflex sind vermutlich vielen bekannt. Unsere Reflexe sind teilweise überlebensnotwendig, teilweise Überbleibsel unserer evolutionären Entwicklung und verschwinden beim Neugeborenen innerhalb der ersten Lebenswochen.

Einen weiteren Reflex möchte ich jedoch kurz genauer erläutern, denn er kann durch falsches
Anlegen der Windel ausgelöst werden und für das Neugeborene sehr unangenehm sein.

Es geht um den suprapubischen Streckreflex. Dieser Reflex wird provoziert, indem man einen leichten Druck nach unten auf den Unterbauch bzw. das Schambein ausübt. Dadurch strecken sich
langsam beide Beine und Füße. Die Zehen spreizen sich.

Dieser Reflex ist für die Kinder äußerst unangenehm. Im Normalfall verliert er sich innerhalb der ersten 4 Wochen nach der Geburt.
Durch übermäßig viel Saugmaterial, vor allem im Bereich des Schambeins und des Unterbauches, kann dieser Reflex ausgelöst werden.

Den gleichen Effekt kann eine zu eng geschlossene Windel ebenfalls verursachen.
Sollte dein neugeborenes Baby also nach dem Schließen der Stoffwindel zäh die Beine strecken und scheinbar grundlos weinen, lohnt es sich die Windel noch einmal neu anzulegen und den Sitz des Saugmaterials zu kontrollieren.

Eine richtig angelegte Stoffwindel ist kein Hindernis für die Kinder. Im Gegenteil, für die Hüftgelenke sind Stoffwindeln sogar sinnvoll und unterstützen eine gesunde Entwicklung des Gelenks.

Trockenwerden

Kinder, die mit Stoffwindeln gewickelt werden, sind häufig auch wesentlich schneller trocken.
Warum ist das so?

In jedem Neugeborenen sind Nervenverbindungen im Hirn angelegt, die eine natürliche Kontrolle über Blase und Darm ermöglichen. Das bedeutet, dass unsere Babys von Geburt an spüren, wann sie müssen.

Wenn sie dahingehend unterstützt werden, können auch Säuglinge bereits windelfrei sein. Eine Stoffwindel bewahrt, über das sogenannte Nässefeedback, diese neuronalen Verbindungen.

Das Kind spürt, wenn die Windel nass wird und kann sehr viel früher adäquat darauf reagieren. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit höher, früher komplett auf Windeln verzichten zu können.

Ein weiteres Argument für Stoffwindeln!

Fazit

Für Neugeborene ist breites Wickeln förderlich für die Entwicklung der Hüfte.

Je älter die Kinder werden, empfiehlt sich häufigeres Wickeln und weniger Saugmaterial. Schmale Flügel erleichtern außerdem die Bewegungsfreiheit.

Babys, die mit Stoffwindeln gewickelt werden, haben es in der grobmotorischen Entwicklung nicht schwerer als Kinder mit Wegwerfwindeln.

Zu dick gestopfte oder falsch angelegte Windeln könnten stören. Das lässt sich mit der Unterstützung einer kompetenten Stoffwindelberater*in leicht und individuell anpassen.

Julia Stökl ist Mutter von vier Kindern (2,4,6 und 8 Jahre), Physiotherapeutin und Stoffwindelberaterin aus Leidenschaft.

Sie lebt und berät im schönen Coburg in Oberfranken.

https://www.wickeling.de

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